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Russlands Wirtschaft gerät zunehmend unter Druck: Die Stahlindustrie warnt vor massiven Produktionskürzungen, Exporte brechen ein und die Regierung ringt um Gegenmaßnahmen. Gleichzeitig verschärfen hohe Leitzinsen, ein starker Rubel und sinkende Nachfrage die Krise. Auch die Rüstungsindustrie stößt an ihre Grenzen, während finanzielle Reserven rapide schwinden und der Fachkräftemangel wächst. In Deutschland sorgt die geplante Stromsteuersenkung für Kontroversen, da vorerst nur die Industrie profitieren soll. Österreichs Wirtschaft zeigt erste Erholungstendenzen, bleibt aber das wachstumsschwächste EU-Land. Die Entwicklungen werfen zentrale Fragen zur Zukunft der europäischen und russischen Wirtschaft auf.
Russlands Wirtschaft unter Druck: Stahlindustrie und Exporte in der Krise
Die russische Wirtschaft befindet sich laut Frankfurter Rundschau in einer tiefen Krise. Besonders die Stahlindustrie schlägt Alarm: Der Leiter eines führenden russischen Stahlunternehmens warnte auf dem St. Petersburg International Economic Forum vor Produktionskürzungen und möglichen Werksschließungen. Ein starker Rubel und hohe Leitzinsen „erwürgen“ sowohl die Nachfrage als auch die Rentabilität. Prognosen zufolge könnte die Branche im Jahr 2025 bis zu sechs Millionen metrische Tonnen nicht absetzen, was etwa zehn Prozent der gesamten Produktion von 2024 entspräche. Der Stahlverbrauch im Inland könnte von 43 bis 45 Millionen Tonnen auf 39 Millionen Tonnen sinken. Gleichzeitig ist der Export von Stahl aufgrund des gestiegenen Rubelwerts nicht mehr rentabel.
Im Mai 2025 produzierte Russland laut World Steel Association etwa 5,8 Millionen Tonnen Stahl, was einem Rückgang von 6,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat entspricht. Die Exporte sind seit Jahren rückläufig: 2023 exportierte Russland rund 11,6 Millionen Tonnen Stahl, ein Rückgang von 27 Prozent gegenüber 2022. Noch 2018 lag der Export bei 33,3 Millionen metrischen Tonnen. Die russische Stahlindustrie beschäftigt etwa 600.000 Menschen und trug rund zehn Prozent zu den Exporteinnahmen bei. Die Regierung erwägt derzeit Steuererleichterungen oder regulatorische Anpassungen, um die Branche zu stützen, doch wurden bereits verschiedene Investitionsprogramme gekürzt, darunter in der Luftfahrt, im Schiffbau und in der Produktion von Industrierobotern. (Quelle: Frankfurter Rundschau)
Jahr | Stahlexport (Mio. Tonnen) | Veränderung zum Vorjahr |
---|---|---|
2018 | 33,3 | + gegenüber 2017 |
2023 | 11,6 | -27 % gegenüber 2022 |
Mai 2025 | 5,8 (Monat) | -6,9 % gegenüber Vorjahresmonat |
- Stahlindustrie: 600.000 Beschäftigte
- Stahlexporte: 10 % der Exporteinnahmen
- Leitzins: 20,0 % (Juni 2025)
- Inflation: 9,9 %
„Die Industrie ist heute praktisch nicht mehr fähig, Metallprodukte zu exportieren, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt.“ (Alexander Schewelew, St. Petersburg International Economic Forum)
Infobox: Die russische Stahlindustrie steht vor massiven Herausforderungen durch hohe Leitzinsen, einen starken Rubel und sinkende Nachfrage. Die Exporte sind drastisch eingebrochen, und die Regierung muss über Hilfsmaßnahmen entscheiden. (Frankfurter Rundschau)
Russlands Wirtschaft in Not: NATO sieht Zeitlimit für Ukraine-Krieg
Die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs setzen Russland weiter zu. Laut Merkur berichtet die NATO, dass Russlands Wirtschaft den Krieg mit aktueller Intensität mindestens bis 2027 fortsetzen könne. Allerdings habe Russland den Höhepunkt der Rüstungsproduktion bereits erreicht und könne das Volumen nicht weiter steigern. In den letzten Monaten investierte der Kreml massiv in die Rüstungsindustrie, die Panzerproduktion läuft auf Hochtouren. Dennoch zeigen Analysen von Satellitenbildern, dass sich die Altbestände an Sowjetpanzern seit Februar 2022 mindestens halbiert haben.
Ein weiteres Problem ist der Fachkräftemangel. Im April 2025 prognostizierte das Institute for the Study of War, dass Russland seine Kämpfe im derzeitigen Tempo nur noch 12 bis 16 Monate fortsetzen könne, bevor finanzielle und personelle Engpässe spürbar werden. 2024 stellten russische Industrieunternehmen 47.000 ausländische Arbeitskräfte aus visapflichtigen Ländern wie China, Indien, der Türkei und Serbien ein. Die Einnahmen aus Öl- und Gasförderung, die das Rückgrat der Staatsausgaben bilden, wurden um fast 25 Prozent nach unten korrigiert – von 10,8 Billionen Rubel (140,4 Milliarden Dollar) auf 8,3 Billionen Rubel (107,9 Milliarden Dollar). Am 24. Juni 2025 genehmigte Putin Änderungen am Bundeshaushalt, die Kürzungen in fünf staatlichen Programmen vorsehen. (Quelle: Merkur)
- Rüstungsproduktion: Höhepunkt erreicht, keine Steigerung möglich
- Fachkräftemangel: 47.000 ausländische Arbeitskräfte 2024
- Öl- und Gaseinnahmen: -25 % (von 10,8 auf 8,3 Billionen Rubel)
- Haushaltskürzungen: 5 staatliche Programme betroffen
Infobox: Die NATO sieht Russlands Wirtschaft an der Belastungsgrenze. Die Einnahmen aus Öl und Gas sinken, die Rüstungsproduktion kann nicht weiter gesteigert werden, und der Fachkräftemangel verschärft sich. (Merkur)
Kreml-Offizielle warnen vor Ressourcenknappheit und Rezession
Wie die Frankfurter Rundschau berichtet, warnen hochrangige Kreml-Offizielle vor einer Zuspitzung der wirtschaftlichen Lage. Die Chefin der russischen Zentralbank, Elvira Nabiullina, und der Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow erklärten Ende Juni, dass die Werkzeuge zur Finanzierung des Ukraine-Kriegs nahezu erschöpft seien. Putin wies diese Warnungen zurück und betonte, die Wirtschaft sei weiterhin stark. Experten wie der russische Oppositionelle Wladimir Milow sehen das anders: Die Stabilität der russischen Wirtschaft seit 2022 sei eine Illusion, die auf massiven Staatsausgaben und dem Verbrauch der finanziellen Reserven basiere.
Der Nationale Wohlstandsfonds (NWF) wurde zwischen Februar 2022 und Jahresbeginn 2024 um rund fünf Billionen Rubel (etwa 47,8 Milliarden Euro) reduziert. Die liquiden Mittel schrumpften bis Mai 2025 auf 2,8 Billionen Rubel (30,3 Milliarden Euro), während sie im Januar 2022 noch 8,43 Billionen Rubel (91,5 Milliarden Euro) betrugen. Die hohe Inflation (9,90 Prozent) und der Leitzins (20 Prozent) sind direkte Folgen der massiven Kriegsfinanzierung. Die westlichen Sanktionen und niedrige Ölpreise zwingen den Kreml zu weiteren Investitionskürzungen. (Quelle: Frankfurter Rundschau)
Datum | NWF-Reserve (Billionen Rubel) | Gegenwert (Mrd. Euro) |
---|---|---|
Januar 2022 | 8,43 | 91,5 |
Mai 2025 | 2,8 | 30,3 |
„Russlands sogenanntes Wirtschaftswunder nach der Invasion und Sanktionen baute nur auf einem einzelnen Fakt auf: Die Regierung hat ihre angesammelten finanziellen Reserven verbrannt, um die Wirtschaft zu stützen.“ (Wladimir Milow, zitiert nach Kyiv Independent)
Infobox: Die russische Wirtschaft steht laut Kreml-Offiziellen und Experten am Rande der Rezession. Die finanziellen Reserven sind fast aufgebraucht, und die Inflation bleibt hoch. (Frankfurter Rundschau)
Stromsteuersenkung in Deutschland: Industrie wird priorisiert
Die Bundesregierung plant laut MDR eine Senkung der Stromsteuer – vorerst jedoch nur für die Industrie. Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter befürwortet diese Priorisierung, fordert aber, dass auch andere Branchen wie das Handwerk einbezogen werden. Verbraucherschützer und Verbände kritisieren die Abkehr vom ursprünglichen Koalitionsversprechen, das eine Entlastung von mindestens fünf Cent pro Kilowattstunde für alle vorsah. Derzeit zahlen Privathaushalte 2,05 Cent pro Kilowattstunde, das europäische Minimum liegt bei 0,1 Cent. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft könnte eine vierköpfige Familie mit einem Verbrauch von 4.000 Kilowattstunden rund 93 Euro im Jahr sparen, wenn die Steuer auf das europäische Minimum gesenkt würde.
Die Bundesregierung verweist auf den angespannten Haushalt und sieht die Priorisierung der Wirtschaft als notwendig an. Die endgültige Entscheidung liegt beim Bundestag. Kritiker sprechen von einem Vertrauensbruch gegenüber Millionen Bürgerinnen und Bürgern. (Quelle: MDR)
- Stromsteuer Privathaushalte: 2,05 Cent/kWh
- Europäisches Minimum: 0,1 Cent/kWh
- Einsparpotenzial für Familie (4.000 kWh): 93 Euro/Jahr
- Geplante Entlastung: vorerst nur für Industrie
Infobox: Die geplante Stromsteuersenkung in Deutschland soll zunächst nur der Industrie zugutekommen. Privathaushalte und andere Branchen bleiben vorerst außen vor, was für Kritik sorgt. (MDR)
Österreichs Wirtschaft: Zeichen der Erholung, aber Wachstum bleibt schwach
Nach langer Durststrecke zeigen sich in Österreich laut FAZ erste Anzeichen einer Konjunkturbelebung. Die Nationalbank schätzt das Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr auf 0,2 Prozent. Nach der längsten Phase wirtschaftlicher Schrumpfung seit Jahrzehnten wäre bereits eine Stagnation ein Fortschritt. Dennoch bleibt Österreich das wachstumsschwächste EU-Land.
Die Regierung steht unter Finanzdruck und müsste die Wirtschaft mit Reformen unterstützen, zögert jedoch. Die FAZ kritisiert dieses Zögern als Fehler und betont, dass Reformen notwendig sind, um die Wirtschaft nachhaltig zu stärken. (Quelle: FAZ)
- Wachstumsprognose 2025: 0,2 % (Nationalbank)
- Österreich: wachstumsschwächstes EU-Land
- Regierung unter Finanzdruck, Reformen gefordert
Infobox: Österreichs Wirtschaft könnte nach Jahren der Schrumpfung stagnieren oder leicht wachsen. Die Regierung steht unter Druck, Reformen umzusetzen. (FAZ)
Einschätzung der Redaktion
Die aktuellen Entwicklungen in Russlands Wirtschaft deuten auf eine strukturelle Krise hin, die weit über kurzfristige Schwankungen hinausgeht. Die Stahlindustrie als Schlüsselbranche verliert rapide an Wettbewerbsfähigkeit, was nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch einen bedeutenden Teil der Exporterlöse gefährdet. Die Kombination aus einem starken Rubel, extrem hohen Leitzinsen und sinkender Inlandsnachfrage setzt die Unternehmen massiv unter Druck und erschwert notwendige Investitionen. Die drastisch gesunkenen Exporte und die drohenden Werksschließungen könnten zu einer Kettenreaktion führen, die weitere Industriezweige und die gesamte Volkswirtschaft erfasst.
Die Regierung steht vor einem Dilemma: Einerseits sind fiskalische Spielräume durch die bereits gekürzten Investitionsprogramme und schwindende Reserven stark eingeschränkt, andererseits ist die Notwendigkeit staatlicher Unterstützung für die Industrie offensichtlich. Ohne gezielte und wirksame Maßnahmen droht eine weitere Erosion der industriellen Basis, was die wirtschaftliche und soziale Stabilität Russlands nachhaltig gefährden könnte. Die Situation in der Stahlindustrie ist damit ein Warnsignal für die gesamte russische Wirtschaft und verdeutlicht die Dringlichkeit umfassender Reformen und einer Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik.
- Strukturelle Krise der Industrie mit erheblichen Risiken für Beschäftigung und Exporte
- Staatliche Handlungsfähigkeit durch Haushaltslage und Reserven stark eingeschränkt
- Dringender Reformbedarf, um eine weitere Destabilisierung zu verhindern
Quellen:
- Russlands Leitzinsen „erwürgen“ zentrale Säule der Wirtschaft – Exporte brechen ein
- Was die Österreicher für die lahmende Wirtschaft tun müssen
- Sachsens Wirtschaftsminister Panter befürwortet Priorisierung von Wirtschaft bei Stromsteuersenkung
- Russlands Wirtschaft in Not – Nato offenbart Putins Zeitlimit für Ukraine-Krieg
- Update Wirtschaft vom 27.06.2025
- Putin in ökonomischer Traumwelt: Kreml-Offizielle warnen vor Krise