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Deutschland steht wirtschaftspolitisch vor entscheidenden Weichenstellungen: Während der BDI einen Kurswechsel für mehr Wettbewerbsfähigkeit fordert, hoffen Hamburger Werften auf neue Marineaufträge und die Konjunkturprognosen steigen. Zugleich verschärfen sich die Debatten über Rentenreform, Energiepreise und strukturelle Schwächen.
Wirtschaft im Überblick: Industrie fordert Kurswechsel, Prognosen steigen
BDI verlangt neue Prioritäten für den Standort Deutschland
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) fordert angesichts der Krisen- und Reformdebatte, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zur obersten Priorität zu erklären. Deutschland und Europa sollten außerdem ihre Abhängigkeiten von China konsequenter zurückdrängen, heißt es in dem Grundsatzpapier „Grundsätze der Wirtschafts- und Handelspolitik“, das der BDI als gemeinsame Leitlinie seiner 38 Mitgliedsverbände mit rund 100.000 Einzelunternehmen versteht.
BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner bezeichnete das 42-seitige Dokument als „eine Vergewisserung für uns selber“ und zugleich als Positionierung der deutschen Industrie für die nächsten Jahre. Der Standort Deutschland stehe „unter massivem Druck“, weshalb in vielen Bereichen neue wirtschaftspolitische Weichenstellungen erforderlich seien.
Der BDI verbindet seine Forderungen nach einer konsequenten Wachstums-, Wettbewerbs- und Ordnungspolitik mit einer Energie- und Klimapolitik, einem angemessenen außenwirtschaftlichen Rahmen sowie einer konsequenten Digital- und Innovationspolitik. Zugleich bekennt sich der Verband zum Umbau der Wirtschaft für den Klimaschutz, verlangt aber kurzfristige Hilfen.
- Rückkehr zur Ausgabendisziplin der öffentlichen Hand und keine Aufweichung der Schuldenbremse im Grundgesetz.
- Senkung der Kosten für Arbeit und Energie sowie der steuerlichen Belastung.
- Vielfältigere Bezugsquellen für Rohstoffe und mehr Förder-, Verarbeitungs- und Recyclingkapazität in Europa.
- Kurzfristige Entlastungen auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft sowie eine „Flexibilisierung der deutschen und europäischen Klimaarchitektur“.
- Mehr digitale Rechenleistung in Deutschland und ein stärkerer Fokus auf Entwicklung und Markteinführung von KI-Technologie.
- Eine konsequentere Orientierung an Eigeninteressen im Verhältnis zu China.
Beim Verhältnis zu China bezeichnet der BDI „Derisking“ weiterhin als den richtigen Ansatz, der jedoch deutlich stringenter umgesetzt werden müsse. Gegenüber den USA fordert der Verband eine „selbstbewusste, interessengeleitete europäische Positionierung“.
Zusammenfassung: Der BDI fordert mehr Wettbewerbsfähigkeit, niedrigere Standortkosten, eine gesicherte Rohstoffversorgung sowie stärkere Investitionen in Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Quelle: pz-news.de.
Hamburger Werften hoffen auf neue Marine-Aufträge
Hamburgs Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard erwartet aus dem Bundesverteidigungsministerium neue Aufträge für Hamburger Werften. Das Ministerium sollte nach ihrer Einschätzung ein Eigeninteresse daran haben, ein Klumpenrisiko beim Fregattenbau zu vermeiden.
Das Verteidigungsministerium dürfe sich nicht in eine Situation bringen, am Ende mit nur einem Anbieter verhandeln zu müssen, sagte Leonhard der Deutschen Presse-Agentur. Ihre Erwartung sei, dass im nächsten Schritt auch Hamburg und die Peene-Werft in Wolgast berücksichtigt würden.
„Meine Erwartungshaltung ist, dass man im nächsten Schritt auf Hamburg guckt und auch auf die Peene-Werft in Wolgast.“
Zur Auslastung der Hamburger Rheinmetall-Werft Blohm+Voss sagte Leonhard, ihre Wahrnehmung sei, dass diese zunächst gesichert sei. Derzeit werde an Flottendienstbooten gebaut, außerdem müssten Korvetten ausgestattet werden. Die Auslastung sei „nicht ein Thema von morgen, aber ein Thema von übermorgen“.
Im Juni hatte das Verteidigungsministerium überraschend angekündigt, den Bau von sechs Fregatten des Typs F126 zu stoppen. Aus Deutschland war die NVL Group beteiligt, die vom Rüstungskonzern Rheinmetall gekauft worden war. Die Schiffe sollten in Hamburg, Wolgast und Kiel gebaut werden.
Den neuen Auftrag erhielt die Kieler Werftengruppe TKMS. Sie soll Fregatten des Typs Meko A-200 DEU bauen und verfügt laut dem Bericht über einen hohen Auftragsbestand.
Infobox: Im Mittelpunkt stehen die Verteilung künftiger Marine-Aufträge und die Vermeidung einer Abhängigkeit von nur einem Anbieter. Quelle: SZ.de.
Herbstgutachten hebt Wachstumsprognose für Deutschland an
Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für 2026 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent. Für 2027 rechnen sie mit einem Plus von 1,1 Prozent. Damit haben sie ihre Prognosen gegenüber dem Frühjahr deutlich angehoben.
| Jahr | Herbstprognose | Prognose im April |
|---|---|---|
| 2026 | 1,3 Prozent | 0,6 Prozent |
| 2027 | 1,1 Prozent | 0,9 Prozent |
| 2028 | 0,4 Prozent |
Als Gründe für die bessere Entwicklung nennen die Institute eine robustere Wirtschaft als erwartet, eine Belebung der Exporte sowie die expansive Finanzpolitik der Bundesregierung. Impulse könnten außerdem von den schuldenfinanzierten Töpfen für Infrastruktur und Verteidigung sowie von einem anhaltenden Boom rund um Künstliche Intelligenz ausgehen.
„Die Wirtschaft hat sich robuster entwickelt als erwartet.“
Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, warnte zugleich vor einem Aufschwung auf schmalem Fundament. Hohe Energiepreise und strukturelle Probleme belasteten die deutsche Wirtschaft weiterhin.
Die Folgen des Iran-Kriegs und die stark gestiegenen Energiepreise hätten die Konjunktur zunächst deutlich gedämpft. Der in der Frühjahrsprognose befürchtete „Energiepreisschock“ sei jedoch geringer ausgefallen als zunächst angenommen.
Für 2027 erwarten die Institute eine stärkere Dynamik beim privaten Konsum und beim Wohnungsbau. Gleichzeitig blieben die strukturellen Probleme bestehen. Die Kapazitäten der Unternehmen könnten zunehmend an ihre Grenzen stoßen, und für die kommenden Jahre werde die deutsche Wirtschaft als leistungsschwach eingeschätzt.
Auch die OECD und der BDI haben ihre Erwartungen angehoben. Die OECD rechnet für das laufende Jahr mit einem Wachstum von 1,1 Prozent und liegt damit 0,4 Prozentpunkte über ihrer Schätzung vom Juni. Für 2027 erwartet sie ebenfalls ein Plus von 1,1 Prozent. Der BDI rechnet für dieses Jahr mit einem Wachstum von einem Prozent, nachdem zuvor 0,6 Prozent erwartet worden waren.
Zur verbesserten Stimmung passt die Entwicklung des Ifo-Geschäftsklimas. Es stieg im September um 1,1 Punkte auf 89,9 Punkte und erreichte damit den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren.
Zusammenfassung: Die Wachstumsprognose für Deutschland steigt für 2026 auf 1,3 Prozent und für 2027 auf 1,1 Prozent. Risiken bleiben durch Energiepreise, strukturelle Probleme und die begrenzten Kapazitäten der Unternehmen bestehen. Quelle: ZDFheute.
Rentenreform: Ökonomen warnen vor einer Aufweichung
Wirtschaftswissenschaftler warnen davor, die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren aufzuweichen. Nach Einschätzung von Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, wäre das Rentenpaket bei einer solchen Änderung „faktisch tot“.
Fratzscher argumentiert, dass die Bundesregierung fehlendes Geld durch Einsparungen an anderer Stelle aufbringen müsste. Dadurch würden zwangsläufig weitere Elemente des Pakets infrage gestellt. Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden, sieht ebenfalls die Finanzierung der Reform gefährdet.
„Mit einer solchen Aufweichung wäre das Rentenpaket faktisch tot.“
Die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren soll nach Darstellung von Ragnitz den finanziellen Spielraum schaffen, um in eine kapitalgedeckte Vorsorge einzusteigen. Dadurch soll ein zusätzlicher Rentenversicherungsbeitrag von zwei Prozentpunkten ermöglicht werden. Werde diese Maßnahme aufgegeben, werde ein Kernstück der Rentenreform schwieriger umzusetzen oder könne vollständig scheitern.
Union und SPD beraten derzeit über einen Kompromiss. Im Gespräch ist unter anderem, die erforderlichen Beitragsjahre um bis zu zwei Jahre anzuheben. Arbeitnehmer könnten dann nach 46 oder 47 Beitragsjahren abschlagsfrei in den Ruhestand gehen. Ragnitz zufolge würde dies die Zahl der Begünstigten zwar stark verringern, aber weiterhin mehr kosten als ein vorzeitiger Ruhestand mit Abschlägen.
Aus SPD und Union gibt es seit Längerem Kritik an der geplanten Abschaffung. Alle ostdeutschen Ministerpräsidenten haben sich für den Erhalt der Regelung ausgesprochen. Nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin deutete Bundesfinanzminister Lars Klingbeil Änderungen am Rentenpaket an.
Fratzscher hält Sonderregelungen nicht für geeignet, das empfundene Unrecht zu beseitigen. Jede Sonderregelung wirke zwangsläufig willkürlich und werde deshalb als ungerecht empfunden. Er plädiert dafür, Härtefälle gezielt abzufedern und die Grundrente zu verbessern. Ragnitz schlägt Härtefallregeln für Menschen vor, die nicht mehr arbeitsfähig sind, und verweist auf ein österreichisches Modell, bei dem vorab festgelegt wird, welche Berufsgruppen vorzeitig in Rente gehen können.
Die sogenannte „Rente mit 63“ ist heute mit 64,5 Jahren erreichbar. Für den Geburtsjahrgang 1961 liegt die Grenze bei 64 Jahren und sechs Monaten, für den Jahrgang 1962 bei 64 Jahren und acht Monaten. Für alle ab 1964 Geborenen gilt einheitlich das Alter von 65 Jahren. Voraussetzung sind mindestens 45 Jahre anrechenbare Zeiten in der Rentenversicherung. Dazu zählen auch Kindererziehung, nicht erwerbsmäßige Pflege sowie Wehr- oder Zivildienst.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Laufende Renten dieser Art Ende des vergangenen Jahres | knapp 2,9 Millionen |
| Anteil an allen laufenden Altersrenten | rund 15 Prozent |
| Neuzugänge im Jahr 2025 | fast 262.400 |
| Anteil an allen neuen Altersrenten | gut 28 Prozent |
| Durchschnittliche Pflichtbeitragszeiten | fast 46 Jahre |
| Anteil männlicher neuer Ruheständler | gut 55 Prozent |
| Anteil weiblicher neuer Ruheständler | knapp 45 Prozent |
In Ostdeutschland entfiel 2024 etwa ein Drittel der neuen Altersrenten auf diese Rentenart, in den alten Bundesländern waren es knapp 28 Prozent. Absolut gab es wegen der unterschiedlichen Bevölkerungsgröße jedoch fast viermal so viele Zugänge im Westen.
Infobox: Die Debatte dreht sich um die Finanzierung der Rentenreform, mögliche Ausnahmen und die Behandlung besonders belasteter Versicherter. Quelle: n-tv.de.
Berlin wächst im ersten Halbjahr 2026 im Bundesschnitt
Das Bruttoinlandsprodukt stieg in Berlin im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 preisbereinigt um 0,9 Prozent. Nach ersten Berechnungen des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg entsprach das exakt der Entwicklung in Gesamtdeutschland.
Nominal, also ohne Berücksichtigung der Preisentwicklung, nahm das BIP in Berlin um 3,6 Prozent zu. Für Deutschland wurde ein nominaler Zuwachs von 3,7 Prozent ausgewiesen.
| Kennzahl | Berlin | Deutschland |
|---|---|---|
| Preisbereinigtes BIP, erstes Halbjahr 2026 | +0,9 Prozent | +0,9 Prozent |
| Nominales BIP, erstes Halbjahr 2026 | +3,6 Prozent | +3,7 Prozent |
Das Produzierende Gewerbe entwickelte sich wie auf Bundesebene leicht positiv. Stärkere Wachstumsimpulse kamen aus den Dienstleistungsbereichen, deren Wachstum jedoch leicht unter dem Bundesdurchschnitt lag.
Die Ergebnisse sind vorläufig und beruhen auf einer unvollständigen länderspezifischen Datenbasis. In einigen Wirtschaftsbereichen wurde deshalb die Bundesentwicklung herangezogen. Ergebnisse nach Wirtschaftszweigen werden in der Halbjahresrechnung nicht veröffentlicht.
Die Halbjahresergebnisse werden nicht überarbeitet und verlieren mit der Veröffentlichung der Jahresergebnisse für das Jahr 2026 Ende März 2027 ihre Gültigkeit.
Zusammenfassung: Berlin verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 ein preisbereinigtes Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent und lag damit auf dem Niveau Deutschlands. Die wichtigsten Wachstumsimpulse kamen aus den Dienstleistungsbereichen. Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg.
Einschätzung der Redaktion
Die zentrale Herausforderung ist nicht eine kurzfristig bessere Stimmung, sondern die nachhaltige Erneuerung des deutschen Wirtschaftsmodells. Höhere Prognosen können Investitionen erleichtern, ersetzen aber weder wettbewerbsfähige Energiepreise noch verlässliche Rahmenbedingungen, Fachkräfte und schnellere Genehmigungen.
Besonders kritisch ist die Verbindung von Standort-, Verteidigungs- und Rentenpolitik: Deutschland muss strategische Abhängigkeiten reduzieren und industrielle Kapazitäten sichern, darf dabei aber die finanzielle Tragfähigkeit sozialpolitischer Zusagen nicht aus dem Blick verlieren. Eine Rentenreform ohne klare Prioritäten würde die notwendige Anpassung lediglich vertagen.
Zusammenfassung: Der Ausblick verbessert sich, doch die strukturellen Probleme bleiben entscheidend. Nachhaltiges Wachstum erfordert jetzt konsequente Reformen statt kurzfristiger Entlastungs- oder Verteilungskompromisse.
Quellen:
- Standort Deutschland: BDI fordert neue Prioritäten - Wirtschaft weltweit - Pforzheimer-Zeitung
- Schiffbau - Leonhard erwartet neue Marine-Aufträge für Hamburger Werften - Wirtschaft - SZ.de
- Wirtschaft vor acht vom 24.09.2026
- "Bei einem Aufweichen wäre das Rentenpaket faktisch tot"
- Herbstgutachten: Institute verdoppeln Konjunkturprognose
- Wirtschaft wächst durchschnittlich



















